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Naturraum - Naturästhetik - Atmosphären: Eine philosophische Betrachtung umweltpolitischer Diskussionen

Das Aufeinanderprallen kontroverser Ideen in umweltpolitischen Diskussionen hinterlässt bei den beteiligten Personen oft tiefe Frustration.Ein Versuch, die unterschiedlichen Sichtweisen von Natur und Naturräumen durch die Einbeziehung tiefer liegender Schichten unseres Welt- und Naturzuganges zu begründen.


Artikel:

Naturraum - Naturästhetik - Atmosphären

Ausgangspunkt für den Beitrag ist eine Form von Erfahrung, die möglicherweise viele Menschen, die in umweltpolitische Kontroversen verstrickt waren, gemacht haben: das Aufeinanderprallen von mehr oder weniger faktenbasierten Meinungen und Argumenten in hitzigen Diskussionen mit eher unbefriedigendem Ausgang.

Dem Ideal eines „rationalen Diskurses“ (Habermas), welcher nach vernunftgeleiteter Abwägung aller Argumente der Kontrahenten zu einer mehr oder weniger einvernehmlichen Lösung führen soll, wird in den seltensten Fällen entsprochen. Was da zurückbleibt, sind Frustration und der Eindruck bitterer Verwerfungen bzgl. der unterschiedlichen Auffassungen und Verfahrensweisen der handelnden Personen. Verwerfungen, die möglicherweise tiefer reichen als die jeweiligen – mehr oder weniger wissenschaftlich fundierten und formulierten - Argumentationsstränge.

Der Beitrag versteht sich als Versuch, diese „Tiefendimension“ diverser Einstellungen zu Umweltproblematiken zu thematisieren, um damit mögliche Ursachen derartig verfahrener Situationen aufzuzeigen. Um den Argumentationsverlauf übersichtlich zu gestalten, enthält der Beitrag zwei Bereiche:
1. Unterscheidung „innere“ (Leiblichkeit) und „äußere“ Natur
2. Atmosphären - Naturästhetik


Titelbild
Foto: © Florian Kainz

Naturästhetik - Emotion und Athmosphäre

1. Unterscheidung „innere“ (Leiblichkeit) und „äußere“ Natur

Im Fokus diverser umweltpolitischer Auseinandersetzungen steht meistens die naturwissenschaftlich erfasste „äußere“ Natur: Beeinträchtigung der Wasser- oder Luftqualität, damit verbundene Grenzwerte bestimmter Schadstoffe, „rote Listen“, Biodiversität, Nachhaltigkeit etc. sind dabei Leitlinien, denen die Argumentationsmuster der jeweiligen Akteure und Interessensgruppen folgen. Darüber hinaus wird an und in uns selbst diese „äußere“ Natur insofern ersichtlich, als wir (unser Körper) permanent in engster Interaktion mit der „äußeren“ Natur stehen. Kälte, Wärme, Wasser, Luft, Nahrung etc. stellen Einflussgrößen dar, die ersichtlich machen, wie sehr wir (in dem Fall unser Körper) uns im permanenten „Durchzug“ externer Medien befinden.


Die sog. „innere Natur“ steht für die „Natur, die wir selbst sind“ (Böhme 2019, S30f), und bezieht sich auf jenen zutiefst subjektiven Anteil des Menschseins, der im Rahmen einer phänomenologisch orientierten Philosophie als Leib und Leibsein bezeichnet wird. Leib steht dabei für den gespürten Körper, als eine Erfahrung, die sich aufdrängt, die permanent gegeben ist und in irgendeiner Form von Spüren und Befindlichkeit zutage tritt. Das mögliche Frischegefühl nach einer durchschlafenen Nacht, die „innere Anspannung“ in einem beruflichen oder privaten Konfliktfeld gehört ebenso in diesen Bereich wie die Erfahrung beim Hören von Musik oder die Veränderung der Befindlichkeit beim Eintritt in einen Sakralraum.


Die körperlich-leiblichen Zustandsformen haben eine tiefe biologische Verwurzelung und sind in ihrer Erfahrbarkeit stark von den Sensibilitäten der jeweiligen Subjekte abhängig. Diese Leiberfahrung ist durch eine gewisse Unverfügbarkeit ausgezeichnet, die nur teilweise einer willentlichen Steuerung unterworfen ist. Sie kann uns überfallen (als Leichtigkeit und Freude) und fremdartig berühren (Schmerz, Unwohlsein etc.). Sie wird jedoch trotzdem als jeweils „zu mir“ gehörig aufgefasst.
Dieser oft vernachlässigte und von bestimmten Engdenkern als empfindsamkeitsgetränkte Gefühlsduselei abgetane Bereich hat im Rahmen einer phänomenologisch orientierten Philosophie eine solide Begründung und Ausarbeitung erfahren. Vor allem im Rahmen der sog. „Neuen Phänomenologie“ wurden diese Strukturen des leiblichen Spürens detailliert untersucht (vgl. dazu u.a. Schmitz 2009, 2011) und mit zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen (Medizin, Psychiatrie, Architektur, Pädagogik etc.) in Bezug gebracht.


Durch die Einbeziehung des Leibes und der Leiblichkeit und damit der „inneren Natur“ wird das neuzeitlich – naturwissenschaftliche Weltbild, das von einer strikten Trennung zwischen dem menschlichen Subjekt (der inneren Natur) und einer davon getrennt vorliegenden äußeren Natur ausgeht, unterlaufen. Dabei wird ein – über die Leiblichkeit - tief in die Natur (bzw. das Sein) eingebundenes und verwobenes Subjekt ersichtlich. Es ist diese praekognitive Ebene, die – sofern sich das Subjekt darauf einlässt – wesentlichen Einfluss auf alle „höheren“ kognitiven Leistungen nimmt. Bei dem Versuch, diese Ebene näher zu erfassen, gelangt man in den Bereich der sog. „Naturästhetik“ und den eng damit zusammenhängenden Begriff der „Atmosphäre“.

2. Atmosphären – Naturästhetik
Ästhetik (vom griechischen „aisthesis“ - sinnliche Wahrnehmung) bezeichnet eine der klassischen Disziplinen der Philosophie und steht für eine „Theorie des Schönen“ in ihren beiden Erscheinungsformen als Naturschönes und Kunstschönes. Es ist nun vor allem die sog. Naturästhetik, welche die Beziehungen zwischen Umgebungsqualitäten und Leiblichkeit untersucht. Die Frage nach dem „Sich-Befinden“ in unserer Umwelt, d.h., wie wir uns fühlen bzw. was diverse Umwelten in uns auslösen, wenn wir diese sinnlich erfahren, steht dabei im Fokus. Das ist wohl eine Frage, welche die Planer von Windparks nicht allzu sehr zu beschäftigen scheint. Versucht man das im Rahmen der Naturästhetik bestimmte Bezugsfeld zwischen Mensch und Natur näher zu fassen, stößt man auf den Begriff der sog. Atmosphäre. Nach Gernot Böhme – einem der zentralen Repräsentanten der Naturästhetik - handelt es sich dabei um „…die Wirklichkeit des Wahrgenommenen als Sphäre seiner Anwesenheit und die Wirklichkeit des Wahrnehmenden, insofern er, die Atmosphäre spürend, in bestimmter Weise leiblich anwesend ist.“ (Böhme1995, S34)
Die Verwendungsweisen des Begriffes „Atmosphäre“ sind ungemein vielschichtig und ebenso unscharf wie ihr sog. ontologischer Status (die Frage nach dem objektiven Gehalt). Aus pragmatischen Gründen soll hier Atmosphäre als Zwischenbegriff bzw. als relationales Phänomen zwischen Subjekt und Objekt gefasst sein. Als Beispiele mögen hier der Eintritt in einen Sakralbau (Kirche, Kathedrale etc.) oder die Erfahrung eines düsteren nebelverhangenen Herbsttages in einem Waldgebiet dienen. Das „klassische“ Modell von Wahrnehmung geht davon aus, dass wir mit einer Fülle von neutralen Sinnesreizen (Licht, Schall etc.) konfrontiert sind, aus denen unsere Sinnesorgane und besonders das Gehirn ihre Welt formen. Die „reale“ bzw. „objektive“ Welt wäre als völlig neutral (einwirkende Lichtquanten, Geruchsmoleküle, die an die Nasenschleimhaut herantreten, Schallwellen, die das Trommelfell in Schwingung versetzen). Erst durch die Weiterverarbeitung all dieser nervösen Aktivitäten im Sehnerv, Hörnerv etc. durch das Gehirn entsteht dann unsere „Welt“ in all ihren ästhetischen u.a. Qualitäten.
Ganz auf dieser Linie läge der Ausspruch „Schönheit liegt im Auge der betrachtenden Person“. Sie wäre damit also eine erst durch unsere Hirntätigkeit entstehende Qualität. Natur hätte demnach keine objektivierbaren ästhetischen Qualitäten, sondern diese würden alle in das Subjekt transferiert, die subjektinternen Aktivitäten (Hirnprozesse) entstehen. Die völlige Unterschiedlichkeit der Beurteilung so mancher Situationen durch verschiedene Individuen mag diese Sichtweise ebenso stützen wie der „common sense“. Anders verhält sich die Interpretation seitens der Naturästhetik und deren Leitbegriff der Atmosphäre. Demnach würde die Situation in dem Sakralraum bzw. Waldgebiet derart interpretiert, als hier ein weit über kognitiv-hirninterne Vorgänge hinausgehender Vorgang gegeben wäre, in dem das gesamte leibliche Befinden „ergriffen“ und verändert wird und damit eine gemeinsame Wirklichkeit des Wahrgenommenen und der wahrnehmenden Person entsteht (Böhme 1995, S34).
In einer Art dialogischer Dynamik entsteht eine leiblich spürbare Erfahrung, die eine vor jedem reflexiven Akt liegende Eingebundenheit in die Welt beinhaltet. Ob man derartige Erfahrungen als Resonanzerfahrung, Einheitserlebnis oder Ähnliches bezeichnet, mag aus einer weiterführenden reflexiven Analyse des Erlebten hervorgehen. Als zentral erweist sich dabei eine Form des Zurücktretens bewusst rationaler Einflussnahmen. Möglicherweise etwas dunkel, aber treffend dazu Heidegger:
„Mit etwas, sei es ein Ding, ein Mensch, ein Gott, eine Erfahrung machen heißt, daß [sic] es uns widerfährt, daß [sic] es uns trifft, über uns kommt, uns umwirft und verwandelt. Die Rede vom ‚machen‘ meint in dieser Wendung gerade nicht, daß [sic] wir die Erfahrung durch uns bewerkstelligen; machen heißt hier: durchmachen, erleiden, das uns Treffende (vernehmend) empfangen, (annehmen) insofern wir uns ihm fügen.“ (Heidegger 1990, S159)
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Ahornlaub Foto: © Florian Kainz

Elementare Sensibilitäten

Damit wäre die oben erwähnte praekognitive Ebene skizziert, d.h. jener Bereich, der für die darauf aufbauenden Meinungen und Einstellungen eine ganz wesentliche Grundlage darstellt. Offenbar sind wir Menschen doch nicht nur rationale Wesen, sondern offen für atmosphärische Einflüsse, die uns in „tiefster Seele“ (unserer leiblichen Basis) erfassen können und die unser gesamtes Menschsein in all seinen gedanklichen Ausformungen beeinflussen.

Vorbedingungen der Welterfahrung

Ohne Erweiterung der sog. „Rationalität“ in diesen Bereich hinein werden die oft schmerzhaften Beschränkungen und Frontbildungen vieler sog. rationaler Diskussionen bestehen bleiben. Über die erwähnten vorreflexiven leiblichen Erfahrungsdimensionen lässt sich eben nicht „trefflich streiten“. Hier geht es um elementare Sensibilitäten und leibliche Empfänglichkeiten, die weitab rational- kognitiver Aktivitäten jene notwendigen Vorbedingungen darstellen, auf denen unsere Welterfahrung aufbaut.


Abschließend sei noch auf ein Detail verwiesen, welches auf der behandelten Thematik aufbaut und auf die konkreten politischen Entscheidungen sowie deren Protagonisten Bezug nimmt: In Anbetracht einer rasanten Zunahme psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen (u.a. hervorgerufen durch übermäßigen Konsum digitaler Medien und die dadurch bedingte Entfremdung von ihrer inneren und äußeren Natur) erscheint es hoch bedenklich, dass relativ unbeeinträchtigte Naturräume (wie zusammenhängende Waldgebiete) bedenkenlos in semiindustrielle Energiegewinnungszonen umgewandelt werden sollen. Erwiesenermaßen stellen gerade derartige Naturräume Residuen dar, die sowohl der psychischen als auch der physischen Gesundheit sehr zuträglich sind. Der durch deren Zerstörung behauptete „Fortschritt“ und ökonomische Nutzen stehen dabei Verlusten gegenüber, deren Erkennbarkeit den relevanten Entscheidungsträgern (aus welchen Gründen auch immer) verwehrt ist.
  • Gastautor: Mag. Dr. Manfred Wimmer
  • Datum: 16.12.2025

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Originalquellen und Recherchematerial:

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Autorenprofil:

Mag. Dr. Manfred Wimmer ist ein österreichischer Wissenschaftler mit langjähriger Tätigkeit am Konrad Lorenz Institut für Evolutions- und Kognitionsforschung (KLI). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der evolutionären Perspektive der Emotions-Kognitions-Interaktion; er ist Herausgeber des Bandes „Freud – Piaget – Lorenz. Von den biologischen Grundlagen des Denkens und Fühlens" (1998) sowie Mitherausgeber von „Emotion – Kognition – Evolution" (2005, mit Luc Ciompi).