Kachel:

Jede Mahlzeit beginnt mit einem Samenkorn

Wie wird unsere Ernährung in den nächsten Jahrzehnten aussehen? Auf welches Saatgut können wir uns dabei stützen? Seit über zwei Jahren wird das EU-Saatgutrecht neu verhandelt, nun soll noch vor dem Sommer die Entscheidung im Brüsseler Trilog fallen.


Artikel:

Jede Mahlzeit beginnt mit einem Samenkorn

Wer darf Saatgut entwickeln, vermehren, weitergeben und verkaufen? Welche Sorten sind legal? Hat Vielfalt auf dem Acker und dem Teller Zukunft? Oder scheitert sie an Bürokratie und Konzerninteressen? Diese Fragen werden gerade zwischen EU-Kommission, EU-Parlament und dem Rat der Landwirtschaft und Fischerei hin- und hergeschoben.

Was trocken und technisch klingt, ist hochpolitisch. Die neuen Regeln entscheiden, ob bäuerliche Betriebe ihr eigenes Saatgut nutzen dürfen, ob mittelständische Züchter:innen Vielfalt entwickeln können oder ob der Saatgutmarkt weiter von wenigen Agrarkonzernen dominiert wird. Vielfalt ist in diesem System kein logisches lukratives Geschäftsmodell, sondern ein Störfaktor.


Titelbild
Foto: © MB

Alte Kartoffelsorten

Nur mehr Gemüse und Obst? Kein Getreide oder keine Kartoffel?

Die aktuelle Position des Rats der EU-Landwirtschaftsminister:innen ist alarmierend: So sollen Züchter:innen künftig nur noch neue Vielfaltssorten von Obst und Gemüse verkaufen dürfen. Neue vielfältige Sorten von Getreide oder Erdäpfeln wären verboten. Der Rat will auch die zentrale Basis der heute existierenden Kulturpflanzenvielfalt verbieten: Bäuer:innen sollen in Zukunft Saatgut nicht mehr über Regionengrenzen hinweg weitergeben dürfen. Ein Austausch auch nur von kleinen Mengen lokaler Sorten zwischen Tirol und Südtirol oder zwischen Salzburg und Bayern wäre illegal. Gerade in Zeiten der Klimakrise brauchen wir Saatgut, das wandert und sich weiterentwickelt.

Zusätzlich verschärfen Patente auf Pflanzen und deren Eigenschaften die Machtkonzentration. Sie entziehen Bäuer:innen und Züchter:innen die Kontrolle über ihr eigenes Arbeitsmaterial und machen Saatgut zunehmend zum Spielball von Konzerninteressen.
Einrückblock-Bild
Bayer, Corteva, Syngenta Bild: [KI-generiert] © faktenstrom.at

Wenige Kulturen – starke Abhängigkeiten

Der weltweite kommerzielle Saatgutmarkt ist rund 50 Milliarden US-Dollar schwer – und diese Summe liegt in zu wenigen Händen. Schon jetzt kontrollieren bloß drei Konzerne – Bayer, Corteva und Syngenta – mehr als die Hälfte des Weltmarkts. Zudem verstärkt die Züchtung von wenigen nicht nachbaufähigen Hybridsorten die Abhängigkeit der Landwirt:innen.

Betrachtet man die Umsätze, so zeigt sich, dass vor allem Mais, Soja und Getreide das Geschäft dominieren. Bei Corteva machte im Jahr 2024 Mais-Saatgut 38 Prozent des gesamten Saatgut-Umsatzes aus, bei Bayer mehr als 14 Prozent des Konzernumsatzes.

Der enge Fokus auf nur wenige Sorten und Arten bringt harte Einschnitte bei der menschlichen Ernährung. Weltweit decken nur mehr drei Pflanzenarten (Weizen, Reis und Mais) rund 50 Prozent des pflanzlichen Kalorienverbrauchs ab. Diese Enge – wenige Arten, wenige „globalisierte“ Sorten – macht die Landwirtschaft krisenanfällig. Was fehlt, sind genetisch vielfältige, regionale Sorten und Populationen. Sie passen sich stärker an unterschiedliche Böden und das jeweilige Mikroklima an. Sie sind widerstandsfähiger bei Umweltveränderungen und oft robuster gegenüber Krankheiten.

Entscheidung über das EU-Saatgutrecht 2026

Am 3. Februar 2026 hat der finale Entscheidungsprozess begonnen. Nun wird die endgültige Ausrichtung des Gesetzes festgelegt. Im Trilog entscheiden die politischen Institutionen in Brüssel, was morgen auf unseren Feldern wächst und übermorgen auf unseren Tellern landet.

Wie wichtig es ist, Rahmenbedingungen zu schaffen, die einen vielfältigen Saatgutmarkt fördern, zeigt eine aktuelle ARCHE-NOAH-Umfrage: Die rund 200 befragten lokalen Saatgutbetriebe und Obstbaumschulen in 16 EU-Mitgliedstaaten verkaufen im Schnitt 152 Sorten aus 41 Kulturarten pro Jahr. Diese vielen kleinen und mittelständischen Produzent:innen erhalten für uns die Vielfalt und sie erhöhen die Widerstandsfähigkeit unseres Ernährungssystems. Dazu haben sie ein Recht auf politische Entscheidungen, die die Konzernmacht kontrollieren, anstatt sie zu verstärken. In unser aller Interesse. Schließlich beginnt jede Mahlzeit mit einem Samenkorn.
  • Gastautor: Volker Plass
  • Datum: 06.02.2026

Gastbeitrag teilen:


Originalquellen und Recherchematerial:

Öffne Research-Box

Gastbeitrag wurde getaggt mit:

["Rechte der Natur","Soziales und Gesellschaft","Politik und Bürgerbeteiligung","Umwelt und Gesundheit","Gesetzgebung und Rechtsprechung"]

Autorenprofil:

Volker Plass ist Geschäftsführer des niederösterreichischen Vereins ARCHE NOAH, Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt und ihre Entwicklung.