Kachel:
„I have a dream" - Die Zukunft erzählen.
Die Zukunftsforschung sagt: „Wir müssen uns die Zukunft erzählen können, um sie gestaltbar zu machen.“
Artikel:
I have a dream - und der heißt „Arche Waldviertel"
Der allen bekannte Teil der Rede, die Martin Luther King am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington, D. C., gehalten hat, ist die mehrfache Wiederholung des Satzes: „I have a dream“. Man hat das Tremolo der Stimme im Ohr und fühlt es, so wird Utopie formuliert und so kann aus Utopie Wirklichkeit werden: im Erträumen und Formulieren des scheinbar Unvorstellbaren.
Träumereien werden in der Wissenschaft eher argwöhnisch betrachtet, deshalb benennt die Zukunftsforschung ebenso wie die Nachhaltigkeitswissenschaft die strategische Methode, bei der man sich von einem gedachten zukünftigen Zustand zurück in Richtung Gegenwart bewegt, mit einem etwas weniger spontan verständlichen, dafür aber sachlicheren Begriff: „Backcasting“.
Backcasting - im Gegensatz zu Forecasting - zielt darauf ab, ein wünschenswertes Zukunftsbild in die Gegenwart zurückzuverfolgen, um daraus Maßnahmen, Schritte und Veränderungsbedingungen abzuleiten, die diese Zukunft erreichbar machen sollen.
Backcasting soll helfen, den Handlungs- und Vorstellungsraum zu weiten. Denn ohne eine Erweiterung unserer Sichtweisen bleibt der Weg in die Zukunft meist nur die Extrapolation und Fortsetzung des gegenwärtigen Handelns.
Geschichten werden erzählt - Erzählungen schaffen Gestaltungsoptionen
Erzählte Geschichten sind Handlungsräume
Eine ganze Welt neu zu „erdenken“, mag als zu schwierig und damit als kaum möglich erscheinen. Wo sollte man da beginnen? Da empfiehlt sich ein kleines Experiment: die Betrachtung des eigenen, des kleinen lokalen Lebensraumes. Kann man sich für diesen eine Zukunft „erträumen“, die einem besser gefällt, als jene, die in der Fortsetzung des jetzigen Weges zu erwarten wäre?
Hier der Bericht über ein regionales Backcasting-Experiment anhand des Oberen Waldviertels. Doch beginnen wir mit einer Bestandsaufnahme.
Extrapoliert man die Gegenwart des Waldviertels - ohne Handlungsänderung - in die Zukunft, sieht diese so aus:
Der Trend einer 40 Jahre andauernden Abwanderung setzt sich, besonders in den nördlichen Gemeinden des Waldviertels, fort und hat bereits eine Altersstruktur geschaffen, bei der es zu einer negativen Geburtenbilanz kommt. Dadurch schrumpft die Bevölkerung zum Teil selbst in Gemeinden mit kleinem Zuzugsplus.
Die begonnene „Versilberung“ des Waldviertler Landschaftsbildes durch Bürgermeister mit leeren Gemeindekassen wird das Waldviertel in eine gestörte, wenn nicht zerstörte Landschaftsregion umformen.
Der damit, aber auch mit anderen Entwicklungen bereits eingesetzte Verlust von Natur-Habitaten wird ein Ende des Waldviertels als österreichweit letzter Rückzugsort für einige der gefährdeten Tierarten sein. Das ist das Forecasting. Die Fortschreibung dessen, was ist. Keine erfreuliche Aussicht.
Die andere Richtung – Backcasting. Wie könnte eine „erträumte“ Zukunft aussehen?
Das Erstaunliche am nördlichen Waldviertel ist: Möglichkeiten zum Erträumen einer ganz anderen, eine besseren Zukunft existieren bereits. Sie wurden nur noch nicht als solche ersonnen oder entworfen. Noch nicht als „Zukunfts-Geschichte“ erzählt.
Beginnen wir mit einer Tatsache, die den wenigsten bewusst ist: Das nördliche Waldviertel ist Teil eines der bedeutendsten Naturschutzprojekte Europas. Dort, wo vierzig Jahre lang der Eiserne Vorhang verlief, hat sich das „Grüne Band Europa“ entwickelt - ein Biotopverbund von über 12.500 Kilometern Länge, vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer. Österreich hat daran einen Anteil von fast 1.300 Kilometern. Und das Herz dieses österreichischen Abschnitts schlägt hier, im nordwestlichen Waldviertel.
Was bedeutet das konkret? Im Bezirk Gmünd, in Teilen von Waidhofen an der Thaya und Zwettl liegen Europaschutzgebiete von erheblichem Ausmaß: Die „Waldviertler Teich-, Heide- und Moorlandschaft“ umfasst fast 14.000 Hektar als FFH-Gebiet. Das Vogelschutzgebiet Waldviertel erstreckt sich über mehr als 54.000 Hektar.
Diese Zahlen sind keine abstrakten Verwaltungsgrößen, sie beschreiben einen zusammenhängenden Lebensraum von internationaler Bedeutung. Und dieser Lebensraum endet nicht an der Staatsgrenze. Direkt jenseits der tschechischen Grenze liegt das UNESCO-Biosphärenreservat Třeboňsko, das sind 700 Quadratkilometer Teich- und Moorlandschaft, seit 1977 von der UNESCO anerkannt. Die Lainsitz verbindet beide Seiten, fließt von Österreich nach Tschechien, unbekümmert um Grenzen. Was auf der einen Seite Naturschutzgebiet Lainsitzniederung heißt, setzt sich auf der anderen als Teil des Biosphärenreservats fort.
Noch etwas: 2007 geschah im Nationalpark Thayatal etwas, das niemand für möglich gehalten hatte. Die Europäische Wildkatze wurde nachgewiesen. Ein Tier, das in Österreich als ausgestorben galt. Sie war zurückgekehrt, weil die Landschaft ihr wieder Raum bot. Inzwischen gibt es auch Elch-Sichtungen im Thayatal.
Die Natur kommt zurück, wenn man sie lässt. Und das gilt auch für andere Tierarten, zum Beispiel den gefährdeten Seeadler, der sich gerade ins Waldviertel zurückzieht, in sein vielleicht letztes Refugium. Können wir uns - träumend - damit nicht eine bessere Zukunft vorstellen?
„I have a dream“ - und der heißt Arche Waldviertel
Ich stelle mir vor, dass das, was jetzt in Fragmenten existiert, zu einem Ganzen wird. Dass die Naturparks von Heidenreichstein, Schrems und Gmünd, die Europaschutzgebiete, der Nationalpark Thayatal und das böhmische Biosphärenreservat nicht mehr als getrennte Verwaltungseinheiten gedacht werden, sondern als Teile einer zusammenhängenden Lebensregion.
Arche Waldviertel - Lebensschutz-Region und Gesellschaftsmodell
Arche, weil es um Zuflucht geht. Nicht um Flucht vor einer Sintflut, sondern um einen Zufluchtsort für jene Arten, die in der intensiv genutzten Kulturlandschaft keinen Platz mehr finden. Für den Schwarzstorch, der an der Thaya fischt. Für den Fischotter in der Lainsitz. Für den Edelkrebs, der anderswo längst verschwunden ist. Für die Moore, die 10.000 Jahre Vegetationsgeschichte speichern und deren Torfmoose, Wollgräser und fleischfressende Sonnentau-Pflanzen Relikte der Eiszeit sind. Und für die gesamte, den Lebenskreislauf erhaltende Vielfalt an Pflanzen, Insekten, Klein- und Wildtieren, die es im Waldviertel - noch - gibt.
Aber die Arche Waldviertel ist in meiner Vorstellung mehr als ein Natur-Schutzprojekt. Sie ist auch ein „Menschen-Schutzprojekt“. Pragmatischer gesagt: ein Lebensmodell, ein Gesellschaftsmodell.
Wenn man es sich vorstellen kann, dann kann man es auch umsetzen. Oder es verbinden: Naturschutz mit Energieautarkie, und beides mit einer Wirtschaft, die nicht auf ständigem Wachstum beruht.
Regionale Versorgung muss keine Utopie sein und das Prinzip, dass weniger zu besitzen, mehr zu haben bedeuten kann, muss nicht Träumerei bleiben. Es kann so real werden, wie die planetaren Grenzen real sind. Grenzen, die uns sagen müssten, dass wir niemals genug Energie haben werden, wenn unser Energiehunger unaufhörlich wächst. Für Kryptowährung, Streamingdienste und KI. Noch vor fünfzehn Jahren hätte niemand im Waldviertel - und dem Rest der Welt - gewusst, was diese Worte überhaupt bedeuten. Und heute soll bereits die Vorstellung unmöglich sein, dass es auch mit etwas weniger von all dem ginge?
Vielleicht gibt es deshalb in meinem Traum auch keine Windräder auf den Kuppen des Predigtstuhls und im Hardwald — nicht weil mein Traum gegen erneuerbare Energie wäre, sondern weil die nahezu einmalige Art und Unberührtheit der Waldviertler Landschaft das größte Kapital dieser Region ist. Wer den Waldviertlern dieses Erbe nimmt, macht sie und die kommenden Generationen zu landschaftlich enteigneten Habenichtsen – beraubt eines Heimatgefühls, das durch keinen materiellen Gewinn aufzuwiegen ist.
Viele Waldviertler wissen, dass es Zukunftslösungen braucht, aber auch, dass sie diese nicht allein Politikern oder Konzernen überlassen können. Womit sie bereits begonnen haben, sind Kleinwasserkraftwerke oder Photovoltaikanlagen auf den Dächern von Scheunen, Ställen und Wohnhäusern - in manchen Orten so erfolgreich, dass damit die ganze Ortschaft versorgt werden kann. Was noch fehlt, sind kluge — vielleicht gemeinschaftliche — Speicherlösungen, die die Sommerernte für den Winter bewahren. So wie man es hier seit jeher verstanden hat.
Wie die Arche wachsen könnte
Ich stelle mir vor, zwei Ortsvorsteher sprechen darüber, wie erfolgreich das gemeinschaftlich projektierte und bereits umgesetzte Bio-Kläranlagenprojekt ist. Und dass es in diesem kleinen Ortsverbund vielleicht auch möglich wäre, Energieautarkie gemeinschaftlich zu versuchen.
Vielleicht ist es aber eine Gemeinde an der Lainsitz. Vielleicht eine, die ohnehin schon im Europaschutzgebiet liegt. Oder ganz woanders. Egal wo der Samen gelegt wird. Von dort könnte die Idee wachsen. Erst ein Ort, dann eine Gemeinde. Erst ein Gemeindeverband, dann ein Bezirk. Die Arche Waldviertel, vom Samen zum Pflänzchen, von der Idee zur Lebensregion.
Das Projekt „Connecting Nature“ hat bereits Wildtierkorridore zwischen Österreich und Tschechien kartiert. Die wissenschaftliche Grundlage für eine grenzüberschreitende Vernetzung existiert. Was fehlt, ist der politische Wille, diese Erkenntnisse umzusetzen. Was fehlt, ist eine Erzählung, die Menschen mitnimmt.
Ich stelle mir vor, dass in einer Generation - sagen wir in dreißig Jahren - die Arche Waldviertel zu einem zusammenhängenden Gebiet gewachsen ist. Ein Archipel aus Schutzgebieten, verbunden durch Korridore, in denen Wildtiere wandern können, auch noch in zehn oder in hundert Jahren. Eine Region, in der junge Menschen nicht mehr abwandern, weil sie hier etwas aufbauen können, das größer ist als ein Arbeitsplatz: eine Lebensweise, ein Lebens-Ort.
Backcasting: Von vorgestellter Zukunft zur Realität
Jetzt braucht es nur noch eines: den Mut, davon zu träumen, dass das Waldviertel eine intakte, naturnahe Region, ein Rückzugsort für Tier und Mensch bleibt .
Es braucht Menschen, die von einer solchen Zukunft träumen können und von ihr erzählen. Und andere, die zuhören und sagen: „Ja, so könnte es sein. So könnten wir es machen“.
Sagen wir es wie Martin Luther King. Sagen wir es uns selbst und den Politikern: „We have a dream - und der heißt Arche Waldviertel“.
Die Arche Waldviertel wartet. Steigen wir ein.
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Anhang:
Das bestehende Fundament Das nördliche Waldviertel verfügt bereits über ein bemerkenswertes Netzwerk an Schutzgebieten und Initiativen: Internationale Vernetzung:
- Grünes Band Europa: 12.500 km Biotopverbund vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer
- UNESCO-Biosphärenreservat Třeboňsko (Tschechien): 700 km² Landschaftsschutzgebiet, direkt angrenzend
- Ramsar-Gebiete: International geschützte Feuchtgebiete
- Nationalpark Thayatal: 1.360 ha, mit tschechischem Národní park Podyjí gemeinsam ca. 7.700 ha; 40% der österreichischen Pflanzenarten auf 0,016% der Landesfläche
- Europaschutzgebiet „Waldviertler Teich-, Heide- und Moorlandschaft“: 13.722 ha FFH-Gebiet
- Vogelschutzgebiet Waldviertel: 54.096 ha
- Naturpark Heidenreichsteiner Moor: 30 ha, 10.000 Jahre Vegetationsgeschichte
- Naturpark Blockheide Gmünd
- Naturpark Hochmoor Schrems
- Naturschutzgebiet Lainsitzniederung
- Waldviertler Energiepakt 2030
- Reallabor 100% erneuerbare Energie Waldviertel
- Erneuerbare Energiegemeinschaften in mehreren Bezirken
- Klima- und Energie-Modellregionen (KEM)
- Connecting Nature AT-CZ: Wildtierkorridore auf ca. 10.000 km²
- Dare to Connect: Stärkung des Grünen Bandes
- EuroVelo 13 „Iron Curtain Trail“
- Europäische Wildkatze (seit 2007 nachgewiesen)
- Elch (Sichtungen)
- Stabile Populationen von Fischotter, Schwarzstorch, Edelkrebs
- Gastautor: Michael Bindlechner
- Datum: 14.12.2025
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Autorenprofil:
Michael Bindlechner ist Filmregisseur und Buchautor. Seine Dreharbeiten von China bis Chile und vom Nordkap bis Südafrika haben ihm vor allem gezeigt: Ein Rückzugsort für Natur und Mensch, wie es das Waldviertel ist, gibt es nur noch sehr wenige auf der Welt.