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Zukunftsforschung Österreich – ein zu wenig genutztes Potential?

Zukunftsforschung in Österreich: Von Robert Jungks Erbe zur Gestaltung von morgen.
Die Zukunft ist keine Fortsetzung der Gegenwart mit anderen Mitteln. In einer Welt im Umbruch braucht es den Mut, radikal neu zu denken. Österreichs Zukunftsforscher*innen zeigen: Wir haben die Werkzeuge, um Transformation nicht nur zu beschreiben, sondern zu gestalten – wenn wir sie nutzen.


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Zukunftsforschung Österreich – ein zu wenig genutztes Gestaltungs-Potential?

In Zeiten multipler Krisen – Klimawandel, geopolitische Verwerfungen, KI-Revolution – scheint die Zukunft vielen Menschen bedrohlich und unbestimmbar. Dabei hat gerade Österreich mit Robert Jungk einen Pionier der Zukunftsforschung hervorgebracht, dessen Erbe heute lebendiger denn je ist. Von Salzburg bis Wien, von Linz bis Vorarlberg arbeiten Wissenschaftler*innen daran, Zukünfte nicht nur vorherzusagen, sondern aktiv zu gestalten. Ein Blick auf eine Disziplin, die uns lehrt: Wer sich eine bessere Zukunft vorstellen kann, hat auch die Kraft, sie zu verwirklichen.


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Bild: [KI-generiert] © faktenstrom.at

Pfade in die Zukunft

Die Kunst, vom Morgen aus zu denken

Es gibt historische Zeitabschnitte, in denen sich Geschichte verdichtet. Zeiten, in denen mehrere Krisen gleichzeitig auf eine Gesellschaft einwirken und ein ganzes System ins Wanken gerät. Wir leben in einer solchen Zeit. Klimakrise, Biodiversitätsverlust, geopolitische Spannungen, die digitale Transformation und eine künstliche Intelligenz, die unsere Arbeitswelt fundamental verändern wird – all das geschieht gleichzeitig, überlagert sich, verstärkt sich gegenseitig.

In solchen Zeiten liegt eine gefährliche Versuchung nahe: das Bekannte fortzuschreiben, mit kleinen Anpassungen weiterzumachen, den Kopf in den Sand zu stecken. Der österreichische Zukunftsforscher Klaus Kofler, Gründer der Future Design Akademie in Dornbirn, spricht von einem „Verlustdenken“ – der Hoffnung, die Welt möge so bleiben, wie wir sie kennen. Doch diese Hoffnung ist trügerisch. Wir befinden uns, so Kofler, „auf der Schwelle zu einer neuen Ära“.

Was die Zukunftsforschung hier leisten kann, ist zunächst paradox: Sie lehrt uns, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist. Das ist keine Bankrotterklärung, sondern eine Befreiung. Denn wenn die Zukunft nicht festgelegt ist, können wir sie gestalten. Diese Erkenntnis steht im Zentrum dessen, was Robert Jungk, der große Pionier der kritischen Zukunftsforschung, zeitlebens vertrat.

Jungk, geboren 1913 in Berlin, vor den Nazis geflohen, später in Salzburg heimisch geworden, entwickelte die „Zukunftswerkstatt“, eine Methode, die bis heute weltweit angewandt wird. Ihr Grundprinzip: Betroffene zu Beteiligten machen. Statt Experten die Zukunft planen zu lassen, sollten die Menschen selbst ihre Wünsche und Ideen einbringen. In drei Phasen – Kritik, Utopie, Verwirklichung – werden aus diffusen Ängsten konkrete Handlungsoptionen.

Jungks Erbe lebt in der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg fort, die noch heute Zukunftswerkstätten durchführt und Moderator*innen ausbildet. Doch das österreichische Ökosystem der Zukunftsforschung ist weit größer geworden.

Am Zukunftsinstitut, 1998 von Matthias Horx in Frankfurt gegründet und mit Standort in Wien, arbeitet ein Team um Geschäftsführer Harry Gatterer an der empirischen Erfassung von Megatrends. Gatterer, gebürtig in Kufstein, sieht sich nicht als Wahrsager, sondern als „Entdecker und Entwickler“. Mit der Future-Room-Methode begleitet er Unternehmen dabei, relevante Trends zu erkennen und strategisch zu nutzen. Seine Botschaft: „Was ist schon offener als die Zukunft?“

Einen anderen Zugang wählt Reinhold Popp, Professor an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien und einer der renommiertesten Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Popp verbindet humanwissenschaftliche Perspektiven mit methodischer Strenge. Seine Forschungsschwerpunkte – Gesundheitswesen, Arbeitswelt, Lebensqualität – zeigen, dass Zukunftsforschung keine abstrakte Spielerei ist, sondern konkrete Lebenswelten betrifft.

Auch Hanni Rützler, die Grande Dame der Food-Trend-Forschung, versteht ihre Arbeit als mehr als Marktanalyse. Mit ihrem „futurefoodstudio“ in Wien und dem jährlichen Food Report erforscht sie, wie sich unsere Esskultur transformiert – und damit unsere Beziehung zu Natur, Gesundheit und Gemeinschaft.

Backcasting: Vom Ziel zurück zum Handeln

Eine besonders wirkmächtige Methode der Zukunftsforschung ist das Backcasting. Im Unterschied zum klassischen Forecasting, das von der Gegenwart ausgeht und Trends in die Zukunft verlängert, beginnt Backcasting mit einem wünschenswerten Zukunftsbild und fragt dann rückwärts: Was muss geschehen, damit diese Zukunft Realität wird?

Der Ansatz, methodisch ausgearbeitet von John B. Robinson in den 1990er Jahren, ist gerade für nachhaltige Transformation relevant. Wenn wir eine klimaneutrale Gesellschaft bis 2050 anstreben, hilft es wenig, aktuelle Trends fortzuschreiben – denn die führen in die falsche Richtung. Stattdessen definieren wir das Ziel und arbeiten uns dann zurück: Was muss 2040 erreicht sein? Was 2030? Was heute?

Diese „rückwärtsgewandte Zukunftsplanung“ hat einen psychologischen Vorteil: Sie verschiebt den Fokus von Hindernissen auf Möglichkeiten. Statt zu fragen „Was hindert uns?“, fragen wir „Was ermöglicht uns?“ Das ist keine naive Positivität, sondern strategisches Denken. Klaus Kofler nennt es „Zukunftsdesign“ – die bewusste Gestaltung dessen, was sein soll, statt die passive Hinnahme dessen, was vermutlich kommt.
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Zukunft träumen, um sie gestalten zu können Bild: [KI-generiert] © faktenstrom.at

Science Fiction als Zukunftslabor

Bevor eine Zukunft gestaltet werden kann, muss sie erzählt werden. Diese Erkenntnis steht im Zentrum der Arbeit von Julia Grillmayr, Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz. In ihrem FWF-geförderten Forschungsprojekt „Science Fiction, Fact & Forecast“ untersucht sie die vielschichtigen Beziehungen zwischen Science-Fiction-Literatur und wissenschaftlicher Szenario-Technik.

Die Grenzen zwischen Fiktion und Futurologie, so zeigt Grillmayrs Forschung, sind fließender als gemeinhin angenommen. Wenn Wissenschaftler Szenarien für das Jahr 2050 entwerfen, bedienen sie sich ähnlicher narrativer Strategien wie Schriftsteller, die Romane über ferne Welten verfassen. Beide erschaffen Räume, die noch nicht existieren. Beide geben dem Ungeformten Form.

Grillmayr, die auch als Radiojournalistin für Ö1 arbeitet und die Sendereihe „Superscience Me“ im Freien Radio Wien gestaltet, interessiert sich besonders für spekulative ökofeministische Philosophie und die Frage, wie durch Erzählungen alternative Zukünfte gedacht werden können. Ihr Ansatz befasst sich weniger mit Trendvorhersagen als mit der fundamentaleren Frage: Wie entstehen die Bilder, die wir uns vom Morgen machen?

Es ist ein Gedanke, der an den Philosophen Hans Blumenberg erinnert: Der Mensch ist nicht primär ein Tier, das denkt, sondern eines, das Geschichten erzählt. Unsere gesamte Kultur beruht auf Narrativen. Die entscheidende Frage lautet daher: Welche Geschichten erzählen wir uns über die Zukunft – und welche sollten wir uns erzählen?

Potential nutzen, Zukunft wagen

Österreich verfügt über ein bemerkenswertes Potential in der Zukunftsforschung. Von Robert Jungks demokratischem Vermächtnis über die wissenschaftlich fundierte Arbeit an Universitäten bis zu den angewandten Analysen des Zukunftsinstituts existiert eine Infrastruktur, die wir nutzen könnten – und den Mut dazu haben sollten.

Was es braucht, ist ein kultureller Wandel: weg vom Fortschreiben des Gewohnten, hin zum Denken in Möglichkeiten. „Unsere größte Krise ist nicht der Mangel an Wissen über das Morgen“, sagt Klaus Kofler, „sondern der Verlust an Vorstellungskraft.“ Diese Vorstellungskraft zurückzugewinnen – darin liegt die eigentliche Aufgabe.

Gerade jetzt, wo multiple Krisen disruptive Veränderungen erzwingen werden, ob wir dies wollen oder nicht, wäre es fahrlässig, das Potential der Zukunftsforschung und ihrer Werkzeuge ungenutzt zu lassen. Die Frage ist nicht, ob sich unsere Welt grundlegend verändern wird. Die Frage ist, ob wir diese Veränderung gestalten.

Klaus Kofler nennt das „Zukunftsdesign“. Ein Wort, das wie ein Versprechen klingt, aber eigentlich nur eine Haltung meint: die Weigerung, die Zukunft zu erleiden.

Österreich hat ein bemerkenswertes Geflecht an Zukunftsdenker:innen hervorgebracht – ein feines Netz, das von Wissenschaft zu Kunst, von Analyse zu Imagination reicht. Und doch wird dieses Netz oft zu selten genutzt, als könnte es zwar tragen, aber niemand traue sich, hinüberzugehen.

Zukunft ist keine Naturgewalt. Sie ist die Folge unserer Entscheidungen.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe unserer Zeit: die Vorstellungskraft zurückzugewinnen. Jenen inneren Raum, in dem Zukunft nicht drohend, sondern möglich erscheint. Denn die Krisen werden kommen, mit unserem oder ohne unser Einverständnis. Aber die Antwort auf sie, die Art, wie wir ihnen begegnen, ist noch ungeschrieben.
  • Autor: Johanna Brandhauser
  • Datum: 03.12.2025

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Autorenprofil:

Johanna Brandhauser ist Autorin und Kommunikationsexpertin, die seit Jahren internationale Großkonzerne in ihrer Kommunikationsstrategie berät. Ausgebildet in Österreich hat sie weltweit gearbeitet und internationale Auszeichnungen erhalten. Für faktenstrom schreibt sie unter dem Heteronym Johanna Brandhauser Gastbeiträge im Bereich Gesellschaft und Kommunikation.