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Roland Benedikter über Transhumanismus: Wenn Technologie den Menschen neu definiert

Europa diskutiert über KI-Ethik, während Tech-Konzerne längst die Verschmelzung von Mensch und Maschine anstreben. Zukunftsforscher Prof. Dr. Dr. Dr. Roland Benedikter warnte früh vor den Folgen des Transhumanismus. Seine Kernthese: Europa braucht eine eigene humanistische Antwort darauf, wie – oder ob – wir mit Technologie verschmelzen wollen.


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Mensch oder Maschine: Roland Benedikters Analyse des transhumanistischen Zeitalters


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Foto: © Roland Benedikter

Prof. Dr. Dr. Dr. Roland Benedikter

Roland Benedikter ist Prof. Dr. Dr. Dr. - das ist beeindruckend. Ebenso beeindruckend sind seine Arbeit und seine Studien als Politikwissenschaftler und Soziologe an der Forschungseinrichtung und Denkfabrik für angewandte Sozialwissenschaften „Eurac Research“ in Bozen. Er ist dort Co-Leiter des „Centers for Advanced Studies“ und UNESCO-Lehrstuhlinhaber für „Interdiziplinäre Antizipation & global-lokale Transformation“.

In Bozen forscht Roland Benedikter unter anderem an einer Frage, die über technischen Fortschritt hinausgeht: Was geschieht mit dem Menschen, wenn er mit der Maschine verschmilzt? Während demokratische Gesellschaften in Wahlzyklen denken, verfolgen Technologiekonzerne langfristige Visionen der menschlichen Transformation, eine Vision, die bereits seit den 50er-Jahren einen Namen hat: Transhumanismus.

Human Enhancement: Neuer Mensch in neuem Körper

„Unter den Schlagworten Transhumanismus und Human Enhancement ist eine Körperindustrie entstanden“, analysiert Roland Benedikter, der unter anderem als Regierungsberater seit Jahren diese Entwicklung beobachtet. Der 1965 geborene Tiroler bewegt sich an der Schnittstelle von Zukunftsforschung, Technologiepolitik und philosophischer Anthropologie.
Was er dokumentiert, mag nach Zukunftsphantasie klingen, entspricht aber längst der Realität einer globalen Bewegung, die sich der Verschmelzung von Mensch und Maschine verschrieben hat. Der Name Transhumanismus - ein Begriff, der 1957 von dem Biologen und Eugeniker Julian Huxley geprägt wurde - beschreibt dabei das Programm: Es geht um die Überwindung der biologischen Grenzen des Menschen durch technologische Eingriffe. Die Ziele reichen von der Abschaffung des Alterns bis zur Überwindung des Todes selbst.

Die Zentren dieser Bewegung sind etablierte Institutionen: Das „Future of Humanity Institute“ an der Universität Oxford, geleitet von Nick Bostrom, erforscht die philosophischen Grundlagen. Stanford widmete sich bereits 2017 der „Digitalisierung der Gefühle“. Silicon Valley investiert Milliarden in die praktische Umsetzung dieser Vision – von der Lebensverlängerung bis zur technischen Unsterblichkeit. Benedikter benennt konkrete Akteure: Googles Tochterunternehmen „CALICO“ erforscht die Biologie des Alterns, Elon Musks „Neuralink“ entwickelt Gehirn-Computer-Schnittstellen, und mit Zoltan Istvan kandidierte erstmals ein erklärter Transhumanist für das Amt des US-Präsidenten.

Was in Europa, in dem man gerade erst beginnt, sich über die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz Gedanken zu machen, nach verschwörungstheoretischem Unsinn oder dystopischer Übertreibung klingt, hat auf anderen Kontinenten bereits reale Hintergründe.

„Mächtige Firmen stehen hinter der transhumanistischen Technik und deren Philosophie“, warnt Benedikter. „Sie wollen auf die Politik einwirken, auf eine Politik, die ihnen weitgehend ohne das notwendige Wissen gegenübersteht.“
Diese Asymmetrie zwischen technologischer Entwicklung und politischem Verständnis sieht er als zentrale Herausforderung demokratischer Gesellschaften.

Die Ideologie der Verschmelzung

Der Transhumanismus präsentiert sich als mehr denn bloßer technischer Fortschritt – Benedikter charakterisiert ihn als umfassende Weltanschauung. Seine Anhänger vertreten die These, dass Technologie an die Stelle religiöser Heilsversprechen tritt und der technologisch erweiterte Mensch die Lösung fundamentaler menschlicher Probleme darstellt. Benedikter sieht darin vor allem eines: eine philosophische Herausforderung an unser Selbstverständnis.

„Der Transhumanismus strebt danach, den menschlichen Leib in einen „Kybernetischen Organismus“, einen Cyborg, zu verwandeln. Der Mensch als Mischwesen aus Körper und Maschine. Oder alternativ den menschlichen Geist in einem Computer-Algorithmus so zu reproduzieren, dass die bisherige biologische Existenz überflüssig wird“, erklärt Benedikter die Stoßrichtung dieser Bewegung. Die dafür entwickelten Werkzeuge befinden sich bereits in fortgeschrittenen Entwicklungsstadien: Hauben zur drahtlosen Messung von Gehirnaktivitäten sollen bald Gedanken lesbar machen. „Mind Uploading“ verspricht die Übertragung des Bewusstseins auf digitale Speichermedien. Brain-Computer-Interfaces schaffen direkte Verbindungen zwischen menschlichem Gehirn und Maschine. Die Genom-Editierung mittels CRISPR/Cas-Methode ermöglicht gezielte Eingriffe ins menschliche Erbgut.

Die Bewegung organisiert sich zunehmend auch politisch. Bereits 2013 wandte sich der „Global Future 2045 Congress“ mit einem offenen Brief an den damaligen UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und forderte eine umfassende Verschmelzung von Mensch und Technologie. Sein erklärtes Ziel: die Schaffung einer „Neo-Menschheit“. Ein Jahr später gründete Zoltan Istvan die „Transhumanistische Partei“ in den USA, die die Überwindung von Tod und Altern innerhalb von 15 bis 20 Jahren auf ihre Fahnen schrieb. Mittlerweile existieren transhumanistische Parteien in zahlreichen Ländern.

Die technokratische Gefahr

Benedikters Warnung richtet sich nicht gegen technologischen Fortschritt per se, sondern gegen eine spezifische Entwicklung: Ohne europäische Gegenvision drohe eine Zukunft, in der nicht mehr der Mensch die Technologie kontrolliere, sondern umgekehrt die Technologie den Menschen forme und definiere. Die Gefahr sieht er sowohl in autoritären als auch in vermeintlich liberalen Systemen.

China nutze neue Humantechnologien bereits systematisch. Zum Beispiel für das, was Benedikter „Gehirndatenabbau“ nennt und das in Form von staatlich geförderten Überwachungsprojekten mittels Gehirnlesetechnologie eingesetzt wird, um Veränderungen im emotionalen Zustand von Mitarbeitern am Fließband, beim Militär und am Steuer von Hochgeschwindigkeitszügen zu erkennen. Andere Technologien und Programme kommen bereits bei „Bevölkerungsverbesserung“ in Schulen sowie für Überwachungssysteme und militärische Anwendungen zum Einsatz.

Auch westliche Demokratien treiben die Mensch-Maschine-Konvergenz voran, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Benedikter warnte bereits 2017 in einem umfassenden Dossier zu „Transhumanismus und Militär“ vor den Konsequenzen: Was wie alte Mythen von Unsichtbarkeit, Unbesiegbarkeit und Unsterblichkeit klingt, wird mit immensen finanziellen und wissenschaftlichen Mitteln vorangetrieben.

Die entscheidende Frage formuliert Benedikter philosophisch: „Was werden wir verlieren, wenn die Verschmelzung zwischen Mensch und Maschine weitergeht? Geht damit ein Verlust an Menschlichkeit einher, oder ist es ein Gewinn an Lebensqualität?“
Seine Antwort fällt eindeutig aus: „Wir wissen noch zu wenig über das Ich, um es technologisch umzuformen.“ Die Erforschung des bewussten Bewusstseins, die Ich-Forschung, stehe erst am Anfang. Fahrlässiges Experimentieren am Menschen sei unter diesen Umständen unverantwortlich.
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Technologie, Transhumanismus Bild: [KI-generiert] © freepik.com

Neohumanismus als europäische Alternative

„Statt Transhumanismus brauchen wir einen Neohumanismus“, formuliert Benedikter seine Gegenposition. Er plädiert für eine menschenzentrierte Alternative, bei der das bisherige „Ich“ nicht unbedacht technologisch überschrieben, sondern behutsam und bewusst weiterentwickelt wird.

Europa habe die historische Chance, eine eigene Zukunftsvision zu entwickeln – eine Vision, die nicht die Souveränität an Technologiekonzerne abgibt. Die europäische Tradition biete dabei Ressourcen: mehr Erfahrung in Zukunftsforschung, größere Übereinstimmung zwischen technologischer Entwicklung, demokratischer Partizipation und sozialer Realität als andere Weltregionen.

Seine Forderung ist konkret: Europa benötigt eigene Zukunftsforen, in denen inter- und transdisziplinär über die fundamentalen Weichenstellungen der kommenden Jahrzehnte nachgedacht wird, und Orte, an denen wissenschaftlich fundierte Zukunftsforschung betrieben wird – nicht spekulativ, sondern mit methodischer Strenge. Europa benötigt Räume, in denen der Mensch im Mittelpunkt steht.
Benedikter betont: „Wir müssen unser Selbstverständnis zumindest in gewissen Grenzen vor dem Zugriff der Technologie schützen. Im Ich liegt, was die Menschheit erreichen kann. Wir müssen mehr darüber herausfinden. Das ist die größte Aufgabe.“

Der Mensch vor der Entscheidung

Roland Benedikters Analyse trifft einen neuralgischen Punkt der Gegenwart. Während die öffentliche Debatte sich oft auf einzelne Anwendungen Künstlicher Intelligenz konzentriert, arbeiten gut finanzierte Forschungseinrichtungen und Technologiekonzerne bereits an der fundamentalen Transformation des Menschen selbst. Der Transhumanismus hat längst das Stadium der Spekulation verlassen und sich als milliardenschwere Industrie mit explizitem politischen Anspruch etabliert.

Die zentrale Einsicht des Südtiroler Zukunftsforschers liegt in der Erkenntnis, dass die Gestaltung technologischer Zukunft nicht delegiert werden kann. Europas demokratische Gesellschaften stehen vor der Notwendigkeit, eine eigene Antwort auf die transhumanistische Herausforderung zu formulieren – nicht durch Technikskepsis, sondern durch die Entwicklung eines Neohumanismus, der den Menschen zum Ausgangspunkt technologischer Entwicklung macht.

Benedikters Forderungen erhalten damit eine zusätzliche Dimension: Es geht um die fundamentale Frage, was es künftig bedeuten wird, Mensch zu sein und ob technologische Erweiterungen im Dienste menschlicher Zwecke bleiben oder zum bestimmenden Faktor menschlicher Existenz werden.

Die Warnung aus Bozen formuliert dabei eine klare Alternative: Ohne europäische Zukunftsvision besteht die Gefahr, dass Technologiekonzerne und autoritäre Regime das Menschenbild des 21. Jahrhunderts prägen. Eine Zukunft, in der das menschliche „Ich“ – jenes rätselhafte Zentrum unseres Menschseins – technologisch neu definiert wird, bevor wir seine Natur wirklich verstanden haben.

Die Frage, die Benedikter aufwirft, ist von existenzieller Tragweite: Sollen wir uns über den Menschen erheben, bevor wir begriffen haben, was den Menschen ausmacht? Seine Antwort formuliert ein Plädoyer für philosophische Weisheit vor technischer Machbarkeit: „Wir müssen zuerst mehr über dieses Ich im Menschen und dieses Wir in der Menschheit herausfinden. Das ist die große Aufgabe der kommenden Jahre.“
  • Autor: Redaktionsbeitrag
  • Datum: 20.11.2025

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