Kachel:
Landschaft als geistige Heimat einer Kultur
Es gibt Gegenden, die nicht nur Räume des Lebens sind, sondern Räume der Bedeutung – Landschaften, in denen sich Geschichte, Kultur und menschliche Selbstwahrnehmung über Jahrhunderte eingeschrieben haben. Das Waldviertel ist eine solche Kulturlandschaft: karg, still, von elementarer Schönheit. Wer sie mit wachen Sinnen betritt, erkennt, dass sie mehr ist als Natur – sie ist Ausdruck eines kulturellen Gedächtnisses, ein Archiv gelebter Formen, eine topografische Seele.
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Kultur als Gestalt der Welt
Kultur ist nie bloß das, was der Mensch erschafft; sie ist das, was ihn erschafft. Aus der Art, wie wir unsere Landschaft sehen, pflegen und verwandeln, wird sichtbar, wie wir uns selbst verstehen. Jede Region ist ein Spiegelbild des Weltverhältnisses ihrer Menschen. Wo der Mensch Landschaft nur als Ressource begreift, verliert er das Bewusstsein für sie als kulturellen Raum. Wo Landschaft aber als sinnstiftende Ordnung verstanden wird, entsteht Weltkultur: die Einheit von Natur, Geist und Gestaltung.
In einer Zeit, da der Mensch den Globus technisch beherrscht, beginnt er, das eigene Maß zu verlieren. Die Welt wird zur Bühne der Berechnung – das Poetische, das Geistige, das Unverfügbare geraten ins Abseits. Dabei ist gerade die Kulturlandschaft ein stilles Gegenargument: Sie erinnert daran, dass menschliche Würde nicht im Verbrauch, sondern im Bewahren liegt, dass Schönheit kein Luxus, sondern eine Lebensform ist.
Sagteich
Landschaft als Identität
Technische Eingriffe – mögen sie noch so ökologisch argumentiert sein – müssen sich an dieser geistigen Verantwortung messen lassen. Windparks, die inmitten karger Schönheit zu industriellen Strukturen anwachsen, verändern nicht nur ein Landschaftsbild, sie verändern das Empfinden, die Wahrnehmung, das Selbstverständnis einer Region.
Was als Fortschritt gefeiert wird, kann zur kulturellen Amputation werden, wenn das Maß des Menschlichen verloren geht.
Kulturlandschaft ist Weltkultur
Weltkultur ist kein Besitz, der aus Museen oder Bibliotheken besteht. Sie lebt in den Formen, die der Mensch seiner Umwelt gibt, in der Architektur, in den Dörfern, in den Wegen, die Landschaft durchziehen. Eine Region wie das Waldviertel steht damit exemplarisch für eine Frage, die weit über sie hinausweist: Wie können wir unsere Welt gestalten, ohne sie zu zerstören? Wie kann Kultur Zukunft schaffen, ohne sich von ihren Wurzeln zu trennen?
Das „Museum Humanum“ in Fratres und das internationale Forum „Kulturbrücke“ an dieser Nahtstelle zwischen Österreich, Böhmen und Mähren zeigen seit Jahrzehnten, dass aus diesem Spannungsfeld Neues entstehen kann: ein Denken, das Landschaft, Kunst und Menschsein nicht trennt, sondern als Einheit begreift. Hier ist Kultur nicht Dekoration, sondern Erkenntnisform; nicht Unterhaltung, sondern Verantwortung.
Die Ästhetik des Maßes
Eine Gesellschaft, die ihre Landschaften nur noch unter dem Gesichtspunkt von Nutzen und Profit bewertet, verlernt das Maß. Sie verliert den Sinn für Proportion, für das Gleichgewicht von Natur und Geist. Die technische Welt darf nicht zur Welt des Technokratischen werden. Wo das Auge keinen Halt mehr findet, weil Schönheit zur Nebensache erklärt wird, verarmt auch der Mensch.
Wir leben in einer Zeit, in der wir Weltkultur nicht mehr allein in fernen Monumenten suchen dürfen – sie beginnt vor der Haustür, im Umgang mit dem, was uns anvertraut ist. Jede Region trägt Verantwortung für das Ganze: Der Verlust einer Kulturlandschaft ist kein lokales Ereignis, sondern ein Schlag gegen das gemeinsame Gedächtnis der Welt.
Allzu viele Teile des Waldviertels sind bereits durch verfehlte Raumplanung, durch inadäquate Verbauung oder grelle Farbgebung verunstaltet worden. Überdimensionierte Trassen-Führungen, von einer hyperaktiven Straßenbau-Lobby durchgesetzt, haben viel Erde bewegt, viel Boden versiegelt und der Landschaft inhomogene Formationen aufgezwungen, die ihr Wesen entstellen.
Jetzt sollten wir wachsam sein: Eine fortgesetzte Denaturierung und bauliche Verunstaltung würden genau jene regionalen Zukunftsperspektiven vernichten, die wir Kulturschaffende mit Begeisterung weiterentwickeln wollen.
Im kleinen Grenzort Fratres kommen jeden Sommer Staatsmänner, Wissenschaftler, religiöse Würdenträger und KünstlerInnen aller Sparten und Denkrichtungen zusammen, um sich über wichtige Fragen an der Schnittstelle von Kunst, Politik und Gesellschaft auszutauschen. Wie viele andere Kulturanbieter sind wir bemüht, das Waldviertel als Kulturregion zu definieren, wo Natur und Kunst in Symbiose treten, um neue Ideen und menschengerechte Lösungen auf den Weg zu bringen.
Auch beim Nachbarn wächst die Sorge
Nicht weniger Sorgen macht man sich um das „Grüne Band“ entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs, wo sich bis heute Vogelarten behaupten, die man in Mitteleuropa kaum noch irgendwo findet. Durch Rotorblätter in unmittelbarer Nähe ihrer Nistplätze wären sie zweifellos in ihrer Existenz bedroht. Ornithologen sind entsetzt.
Nicht zuletzt wäre auch der „Iron Curtain Trail“ betroffen, der die Erinnerung an ein tragisches Stück europäischer Nachkriegsgeschichte wachhalten soll. Kurzum: Auf die Nachbarschaft mit Tschechien käme durch den Windpark Waldkirchen eine ernste Belastungsprobe zu, die sich niemand wünscht, der sich an die Verwerfungen der Vergangenheit erinnert.
Was wir von Tschechien lernen könnten
Unser Alleinstellungsmerkmal ist bedroht
Anderswo weiß man längst: Landschaft und Kultur sind auch für den Markenkern einer Region essenziell. Wir wären schlecht beraten, wollten wir diese Trumpfkarten für eine sanfte und identitätswahrende Regionalentwicklung endgültig aus der Hand geben. Unsere Lebenswelt, um die uns heute noch viele beneiden, könnte sich schon bald in eine abweisende, inhumane Zone verwandeln, die kein sensibler Mensch aufsuchen will, weil man sich darin nicht mehr wohlfühlt.
Wer sich von profitgetriebenen Technokraten einreden lässt, wir könnten durch Preisgabe unseres Alleinstellungsmerkmals das Weltklima retten, hat noch nicht verstanden, wo er zuhause ist. Dass es lokale Verantwortungsträger gibt, die für ein paar ‚Silberlinge‘ in der Gemeindekasse eine Landschaft verkaufen, die ihnen nicht gehört, sollte uns zu denken geben, bevor es zu spät ist.
Das Erbe des Menschlichen
Wer eine kostbare Landschaft bewahrt, bewahrt nicht nur die Natur, sondern das Menschliche selbst. Kultur beginnt dort, wo wir das Unverfügbare achten – das, was nicht berechnet, sondern empfunden werden will.
Wenn wir die Schönheit des Waldviertels bewahren, bewahren wir nicht die Vergangenheit – wir sichern die Möglichkeit einer Zukunft, die noch menschlich sein kann.
- Gastautor: Dr. Peter Coreth
- Datum: 27.10.2025
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Autorenprofil:
Peter Emmerich Coreth ist ein österreichischer Journalist, Schriftsteller, Übersetzer, Kunstsammler und Museumsgründer. Coreth studierte Politikwissenschaften in Salzburg und Nairobi. Von 1971 bis 1975 war er Redakteur der Salzburger Nachrichten.