Jede Mahlzeit beginnt mit einem Samenkorn
Gastbeitrag von Volker Plass
Wer darf Saatgut entwickeln, vermehren, weitergeben und verkaufen? Welche Sorten sind legal? Hat Vielfalt auf dem Acker und dem Teller Zukunft? Oder scheitert sie an Bürokratie und Konzerninteressen? Diese Fragen werden gerade zwischen EU-Kommission, EU-Parlament und dem Rat der Landwirtschaft und Fischerei hin- und hergeschoben.
Was trocken und technisch klingt, ist hochpolitisch. Die neuen Regeln entscheiden, ob bäuerliche Betriebe ihr eigenes Saatgut nutzen dürfen, ob mittelständische Züchter:innen Vielfalt entwickeln können oder ob der Saatgutmarkt weiter von wenigen Agrarkonzernen dominiert wird. Vielfalt ist in diesem System kein logisches lukratives Geschäftsmodell, sondern ein Störfaktor.
Alte Kartoffelsorten
Nur mehr Gemüse und Obst? Kein Getreide oder keine Kartoffel?
Zusätzlich verschärfen Patente auf Pflanzen und deren Eigenschaften die Machtkonzentration. Sie entziehen Bäuer:innen und Züchter:innen die Kontrolle über ihr eigenes Arbeitsmaterial und machen Saatgut zunehmend zum Spielball von Konzerninteressen.
Wenige Kulturen – starke Abhängigkeiten
Betrachtet man die Umsätze, so zeigt sich, dass vor allem Mais, Soja und Getreide das Geschäft dominieren. Bei Corteva machte im Jahr 2024 Mais-Saatgut 38 Prozent des gesamten Saatgut-Umsatzes aus, bei Bayer mehr als 14 Prozent des Konzernumsatzes.
Der enge Fokus auf nur wenige Sorten und Arten bringt harte Einschnitte bei der menschlichen Ernährung. Weltweit decken nur mehr drei Pflanzenarten (Weizen, Reis und Mais) rund 50 Prozent des pflanzlichen Kalorienverbrauchs ab. Diese Enge – wenige Arten, wenige „globalisierte“ Sorten – macht die Landwirtschaft krisenanfällig. Was fehlt, sind genetisch vielfältige, regionale Sorten und Populationen. Sie passen sich stärker an unterschiedliche Böden und das jeweilige Mikroklima an. Sie sind widerstandsfähiger bei Umweltveränderungen und oft robuster gegenüber Krankheiten.
Entscheidung über das EU-Saatgutrecht 2026
Wie wichtig es ist, Rahmenbedingungen zu schaffen, die einen vielfältigen Saatgutmarkt fördern, zeigt eine aktuelle ARCHE-NOAH-Umfrage: Die rund 200 befragten lokalen Saatgutbetriebe und Obstbaumschulen in 16 EU-Mitgliedstaaten verkaufen im Schnitt 152 Sorten aus 41 Kulturarten pro Jahr. Diese vielen kleinen und mittelständischen Produzent:innen erhalten für uns die Vielfalt und sie erhöhen die Widerstandsfähigkeit unseres Ernährungssystems. Dazu haben sie ein Recht auf politische Entscheidungen, die die Konzernmacht kontrollieren, anstatt sie zu verstärken. In unser aller Interesse. Schließlich beginnt jede Mahlzeit mit einem Samenkorn.
- Gastautor: Volker Plass
- Datum: 06.02.2026
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Volker Plass ist Geschäftsführer des niederösterreichischen Vereins ARCHE NOAH, Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt und ihre Entwicklung.